Gedanken zur Restrukturierung des Joomla! Projekts

Senden
User Review
4 (6 votes)

Zur Zeit liegt ein Umstrukturierungs-Vorschlag zur Einsicht auf und die Community ist gebeten, sich zu diesem Vorschlag zu äussern. Ich konnte schon vor einiger Zeit ein Blick in den Entwurf werfen und mir meine Gedanken dazu machen. Da ich mich beruflich stark mit Unternehmungsentwicklung beschäftige, lege ich auf dieses Thema ein besonderes Augenmerk.
Seit 2008 versucht man, die Strukturen den ständig gewachsenen Bedürfnisse anzupassen. Doch bisher fand keiner der Vorschläge eine Mehrheit. Warum?

Das Problem liegt beim Konzept der unterschiedlichen Anreizsysteme. Was meine ich damit? Jeder von uns braucht Anreize um motiviert an einer Sache über längere Zeit dran bleiben zu können. Dafür sind die sogenannten intrinsischen und extrinsischen Faktoren verantwortlich.

Mein Volontariat

Warum beteilige ich mich freiwillig an einem Community Projekt wie Joomla!? Warum vernachlässige ich andere Hobbys und meine Familie und investiere Stunden meiner kostbaren Zeit in so ein Projekt? Warum bin ich bereit für Erweiterungen und Teilnahme an Kursen und Events sogar noch Geld dafür auszugeben? Ich investiere freiwillig Geld und Zeit in dieses Projekt, obwohl mich keiner darum gebeten hat.

Extrinsische Faktoren: Besucherzahlen, Feedbacks/Reaktionen,

Intrinsische Faktoren: aus Idealismus, weil ich vom Produkt überzeugt bin, weils einfach Spass macht, weil es vielen anderen genau gleich geht (Community-Spirit), gemeinsames Ziel und Zusammenhalt,

Erkenntnis: Bei einem Volontariat überwiegen die intrinsichen Faktoren. Motivation und Anreiz kommen primär aus einer intrinsischen Quelle.

Meine Arbeit

Als Angestellter eines Unternehmens bin ich für bestimmte Dinge verantwortlich und widme mich 5 x 8.5h pro Woche diesen. Dafür erhalte ich einen Lohn und Anerkennung von meinem Chef. Bestenfalls auch von meinen Kollegen und Unterstellten.

Extrinsische Faktoren: Lohn, Benefits, Lob & Anerkennung, Zielerreichung, Verantwortung für einen Teilbereich,

Intrinsiche Faktoren: Überzeugung am richtigen Platz zu sein,

Erkenntnis: Als Teil einer Unternehmung überwiegen die extrinsischen Faktoren. Motivation und Anreiz kommen primär aus extrinsischen Quellen.

Was hat das mit der Restrukturierung von Joomla! zu tun?

Mit dem vorliegenden Vorschlag will man aus dem Joomla!-Projekt ein Unternehmen namens „Opensource Matters, Inc.“ machen.

Streng organisations-technisch betrachtet durchaus ein gelungener Vorschlag, den ich zu 100% unterstützen könnte. Doch überlegt man sich die logischen Konsequenzen daraus, würde das den Tod des Projekts bedeuten. Es sind letztendlich die endogenen Faktoren und weniger die exogenen Faktoren, die den Ausschlag geben.

Warum eine solch harte These?

Bei einem Unternehmen muss das Kerngeschäft den Wasserkopf (Führung, Finanzen und Support) mittragen und finanzieren. Bislang funktionierte das Joomla!-Projekt zu 100% aus Volontären. D.h. bei allen Personen im Projekt sind die intrinsischen Faktoren etwa ähnlich oder gleich. Dies ist Kultur und Herzschlag des Projekts zugleich .

Egal ob Teamleader, Mitarbeiter oder Beobachter. Das verbindende Element ist das kongruente Anreizmodell der intrinsischen Motivation. Der Slogan: „All Together as Whole“ bringt diesen Punkt sehr schön zum Ausdruck.

Betrachtet man die letzten zwei Jahre, so stellt man fest, dass diese Kultur heute schon ab und zu auf eine harte Probe gestellt wird. Ein Beispiel: Das JET-Programm. Dieses ermöglicht einigen „Auserwählten“, auf Kosten des Joomla!-Projekts an einem Event (JDay, JAB oder JWC) teilzunehmen.

Man bekommt die Reise und Unterkunft vom Projekt bezahlt. Eine Jury sucht aus Vorschlägen aus der Community aus und entscheidet, wer dran teilnimmt. Dumm nur, wenn plötzlich die Frau eines Jurymitgliedes dort auf der Liste der Begünstigten JET-Teilnehmer steht.

Und plötzlich werden gemeinsame Werte, die letztendlich Antrieb für das Projekt sind, geritzt. Dabei geht es mir hier nicht, ob diese Person zu recht oder zu unrecht mitreisen darf, als vielmehr um das Grundprinzip der gemeinsamen Werte das hier verletzt wird.

Plötzlich reisen einige gratis an Events und andere bezahlen, obschon sie sich eigentlich aufgrund ihrer Motivation und Engagement nicht unterscheiden.

Das Unternehmen OSM Inc.

Gibt es Joomla!, weil es die OSM Inc. gibt oder gibt es OSM Inc. weil es Joomla! gibt? Das Joomla! CMS ist ein Produkt und OSM ist eine Organisation. Und nur weil es das Produkt gibt, ist die Organisation heute das, was sie ist.

Beim jetzigen Vorschlag müsste das CMS die OSM finanziell mittragen. Gäbe es Joomla! nicht mehr, wäre OSM überflüssig. Würde es OSM nicht mehr geben würde das wohl keiner bemerken. 🙂

OSM braucht Joomla zum Überleben aber Joomla braucht OSM nicht. Klick um zu Tweeten

Lese ich mir die Aufgaben dieser 11 Direktoren durch, so stelle ich fest, dass die ein sehr umfangreiches Pflichtenheft haben. Aus meiner Sicht und Erfahrung ist es unmöglich, dieses Pensum nur in der Freizeit zu bewältigen. Ergo, es müssen für diese Direktoren Voll- oder Teilzeitstellen geschaffen werden. Diese wollen finanziert sein. Wir erinnern uns. Allein die Reise- & Hotelspesen der PLT/CLT/OSM Mitglieder im vergangenen Geschäftsjahr, riss dem Joomla!-Projekt ein riesiges Loch in die Kasse.

Wie will man bitteschön bei einem so riesigen Wasserkopf (11 Direktoren) einen anständigen Lohn bezahlen ohne gleich pleite zu machen? Inzwischen wissen wir: ein Unternehmen lebt v.a. aus extrinsischen Faktoren. Fehlen diese, ist entweder das Unternehmen oder die Kultur am Boden.

Sollte der vorliegende Vorschlag bei den CLT/PLT/OSM eine Mehrheit finden, wäre das wohl der Anfang vom Ende.