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«6-stellig in 6 Tagen»: Warum ich der Coaching-Werbung nachgegangen bin – und was ich dabei über Risiko gelernt habe

Es war einer dieser Momente, in denen der Algorithmus genau weiss, wie er mich kriegt. Zwischen zwei Reels poppt eine Anzeige auf: «6-stellig in 6 Tagen – wie du mit der Online-Workshop-Strategie in 6 Tagen mehr verdienst als in einem ganzen Jahr.»

Symbolbild zum Beitrag über dubiose Hochpreis-Coaching-Werbung und Risiko

Es war einer dieser Momente, in denen der Algorithmus genau weiss, wie er mich kriegt. Zwischen zwei Reels poppt eine Anzeige auf: «6-stellig in 6 Tagen – wie du mit der Online-Workshop-Strategie in 6 Tagen mehr verdienst als in einem ganzen Jahr.»

Mein erster Reflex: zu schön, um wahr zu sein. Mein zweiter Reflex – und das ist der gefährliche – war Neugier. Denn Hand aufs Herz: Wer will das nicht? Mehr Freiheit, mehr Geld, weniger Hamsterrad. Genau diese Sekunde Neugier ist das ganze Geschäftsmodell. Also bin ich der Sache nachgegangen. Hier ist, was ich gefunden habe.

Das Versprechen, das jeder hören will

Die Anzeige stammt von Andreas Klar, einem deutschen «Business-Mentor» aus Wittlich. Auf seiner Seite stehen die üblichen grossen Zahlen: «3000+ glückliche Kunden», «8 Mio+ Firmenumsatz», ein selbst entwickeltes System namens KundenSOG. Dazu eine kraftvolle persönliche Geschichte – ein schwerer Unfall, ein Herz-Kreislauf-Stillstand, die Rückkehr als «Mutmacher».

Ich will fair bleiben: Das ist erst mal nichts Verbotenes. Beratung verkaufen ist ein legitimes Geschäft, und manche Leute holen sich aus solchen Programmen tatsächlich etwas heraus. Aber wer einmal verstanden hat, wie hier verkauft wird, schaut die Werbung danach mit anderen Augen.

Was eigentlich verkauft wird

Ich habe auf diesem Blog schon mal über Funnels geschrieben – und genau das ist hier am Werk, nur in der Maximalausführung. Das Muster ist immer dasselbe:

Eine kostenlose «Challenge» über mehrere Tage baut emotionale Nähe auf. Du bekommst echte, brauchbare Häppchen – «erst geben, dann nehmen». Dann kommt die Geschichte vom eigenen Scheitern und vom Wendepunkt. Dann die Verknappung: «nur 10 Plätze». Und am Ende ein «kostenloses Erstgespräch», in dem nicht du beraten, sondern dir verkauft wird – das eigentliche Programm.

Und dieses Programm ist hochpreisig. Wir reden in dieser Branche nicht über ein paar Hundert Franken, sondern regelmässig über vier- bis fünfstellige Beträge für eine im Kern standardisierte Videokurs-Bibliothek plus Gruppen-Calls.

Der Haken, über den niemand spricht

Jetzt kommt der Teil, der mich wirklich stutzig gemacht hat. In dieser Branche ist es verbreitet, dass Kundinnen und Kunden bei Vertragsabschluss bestätigen müssen, dass sie «Unternehmer» sind. Klingt harmlos. Ist es nicht.

Denn mit dieser einen Erklärung versuchen Anbieter, den Verbraucherschutz und das Widerrufsrecht auszuhebeln. Anwaltskanzleien beschreiben dieses Muster in aller Ausführlichkeit: lange feste Laufzeiten, ausgeschlossene Kündigung, und eben die «Unternehmer»-Klausel als Schutzschild. In Deutschland haben Gerichte solchen Verträgen zuletzt reihenweise einen Riegel vorgeschoben – der Bundesgerichtshof hat 2025 mehrfach klargestellt, dass das sogenannte Fernunterrichtsschutzgesetz auch gegenüber Unternehmern greifen kann und Verträge ohne die nötige Zulassung nichtig sein können.

Und jetzt der Schweizer Reflex – Achtung, das ist meine Einschätzung, keine Rechtsberatung: Wir in der Schweiz sitzen hier nicht in der besseren Position, sondern oft in der schlechteren. Denn anders als in der EU gibt es bei uns kein allgemeines Widerrufsrecht, mit dem man einen Vertrag einfach so rückgängig macht. Wer als Schweizerin oder Schweizer bei einem deutschen Anbieter unterschreibt, hat unter Umständen weder das deutsche noch ein vergleichbares Schweizer Schutznetz unter sich.

Es trifft auch uns in der Schweiz

Das ist kein abstraktes deutsches Problem. Der Beobachter und der Kassensturz dokumentieren seit Jahren Schweizer Fälle – auffällig oft sind es Frauen, die in ähnliche Konstruktionen geraten. Ein von «blue News» geschilderter Fall: eine Frau unterschreibt mit einem Klick ein Coaching für 4’300 Franken, kommt nicht mehr raus, soll plötzlich Stornogebühren zahlen – und findet sich am Schluss in der Betreibung wieder. Der Blick sprach gar von einer «Guru-Frau im Sog der Coaching-Szene».

Das Perfide daran: Die Zielgruppe sind selten Leute, die finanziell auf Rosen gebettet sind. Es sind Menschen, die einen Ausweg suchen – und ausgerechnet die werden ermutigt, sich für das Versprechen zu verschulden.

Das eigentliche Produkt bist du

Hier kommt der Punkt, der mich am meisten beschäftigt. Was lernst du in so einem Programm eigentlich? Im Kern: wie man genau so ein Programm verkauft. Du zahlst dafür, zur Verkäuferin oder zum Verkäufer derselben Methode zu werden, die man dir gerade verkauft hat.

Und weil deine ersten Interessenten dein eigenes Umfeld sind, fängst du irgendwann an, im Freundeskreis fast schon missionarisch nach Leuten zu suchen, die du «aufs nächste Level» bringen kannst. Wenn dir das bekannt vorkommt: Genau das ist die Struktur eines Schneeballsystems – nur dass es nicht so heisst.

Und jetzt kommt die KI ins Spiel

Bleibt die eine Frage, die für mich als Blogger im Jahr 2026 alles dreht: Braucht es diese Coaches überhaupt noch?

Ich habe hier auf dem Blog beschrieben, wie aus einem Sonntagsspaziergang dank KI eine fertige App wurde, ohne dass ich eine Zeile Code geschrieben habe. Dieselbe Verschiebung gilt fürs «Business-Wissen». Funnel verstehen, eine Verkaufsseite texten, eine Positionierung schärfen, Content produzieren – das war vor zehn Jahren ein teurer Informationsvorsprung. Heute bekommst du das von einem KI-Tool für die Kosten eines Abos. Oder gratis.

Was die teuren Coaches deshalb immer weniger verkaufen, ist Information. Was sie verkaufen, ist Emotion: Hoffnung, Zugehörigkeit, das Gefühl, endlich «dran» zu sein. Und das ist genau der Teil, den eine KI dir nicht gibt – aber eben auch der Teil, der manipulierbar macht.

Fairerweise: Es gibt echte Begleitung mit echtem Wert. Jemand, der genau dein Ding wirklich gemacht hat. Konkretes Feedback. Ein Tritt in den Hintern, wenn man allein nicht ins Tun kommt. Aber das ist eine bezahlbare Dienstleistung – kein fünfstelliger Vertrag mit Kündigungsverzicht.

Am Ende des Tages: Wer trägt das Risiko?

Für mich läuft alles auf eine einzige Frage hinaus – und Risiko ist hier das richtige Wort.

Wenn ich mit einem KI-Tool scheitere, habe ich ein paar Franken Abo verloren. Der Erfolg liegt in meiner Hand, der Schaden ist gedeckelt, und ich habe niemanden mit hineingezogen.

Wenn ich mit dem Hochpreis-Coaching scheitere, habe ich womöglich Schulden – und ich habe gelernt, den Druck an die Menschen um mich herum weiterzugeben.

Das Tool begrenzt deinen Schaden auf dich selbst. Das teure Coaching maximiert ihn und exportiert ihn an deinen Freundeskreis. Genau an dieser Stelle kippt legitime Hilfe in Ausbeutung.

Also, bevor du das nächste Mal «6-stellig in 6 Tagen» liest und die Neugier kommt: Frag dich nicht zuerst, ob das Versprechen stimmt. Frag dich, wer das Risiko trägt, wenn es nicht stimmt.

Was meint ihr – ist die Zeit der teuren Wissens-Verkäufer vorbei, jetzt wo die KI dasselbe Wissen praktisch verschenkt? Schreibt’s mir.

Hinweis

Dieser Beitrag gibt meine persönliche Meinung und Recherche aus öffentlich zugänglichen Quellen wieder. Er ist keine Rechtsberatung. Wer in einer konkreten Vertragssituation steckt, wendet sich am besten an eine Konsumentenschutz-Organisation wie den Beobachter oder eine Fachperson.